Man kann sich Nietzsches „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ so vorstellen: Es gibt drei Ebenen – das Ur-Eine, das Dionysische und das Apollinische. Als Symbolbild bietet sich ein Satyr auf einer Wiese an. Die Wiese bildet den Untergrund, das Ur-Eine, die Ur-Mutter (Natur), in der alles versammelt und vermengt ist – Eins ist.

Seine tierischen Satyr-Füße stellen die Verbindung zwischen der Wiese und dem Oberkörper her, also zwischen dem Ur-Einen und dem Apollinischen. Sie verkörpern das Dionysische: das aufsteigende, chaotische Ur-Eine, das jedoch bereits unter einem formgebenden Einfluss des Apollinischen steht – wie verrückte Träume, Fabeln oder Mythen.

Auf den Ziegenbeinen ruht der menschliche Oberkörper, der das Apollinische symbolisiert. Er stellt die Vollendung des principii individuationis dar: die Abtrennung vom Ur-Einen, gegossen in eine individuelle Form – das Individuum, geformt, begrenzt, gewichtet.

Die Musik, als Wille im Ur-Einen, steigt herauf und durchdringt alle Ebenen, ohne etwas daraus wirklich abzubilden. Sie spiegelt nichts „Menschliches“ wider, sondern etwas Unerreichbares. Sie ist so ursprünglich und natürlich wie das „Ding an sich“ bei Kant oder der Wille bei Schopenhauer – etwas, das man begrifflich oder textlich, also logisch-apollinisch, nicht fassen kann.

Die Tragödie entsteht genau in diesem Zwiespalt – zwischen dem Ur-Einen, dem unaussprechlichen Ur-Willen, der mit der Natur, allen Lebewesen und dem Dasein eins ist, und der logisch-trennenden Individualisierung des Apollinischen. Hier wirkt dieser tiefe „Wille“ (und nicht der Mensch) die Tragik selbst hervor, um das menschlich-apollinische Übergewicht wieder auszugleichen. Zu viel Heiterkeit, Optimismus und Theorie zwingen die Natur selbst dazu, das Übergewicht der apollinischen Waage auf die dionysische Seite zu verlagern. So wechseln sich die beiden Prinzipien fortlaufend ab. Man könnte fast meinen, wie ein Satyr, der Purzelbäume dreht.

Satyr mit Harfe

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