Peter Sloterdijk erläutert seine politisch-geschichtliche Interpretation des Fürsten anhand von drei Sündenfällen. Der erste Sündenfall ist die Vertreibung Adams und Evas aus dem vormoralischen, anarchischen Paradies; der zweite ist der Sturz in den Staat und das Betreten der politischen Dimension; der dritte ist die Fiktion des fusionierten Gemeinwillens (Rousseau: volonté générale), die den Einzelnen, fast einer Vergewaltigung gleich, ins Wir zwingt.

Mit dem zweiten Sündenfall verschieben sich die moralischen Kategorien in Erfolgskategorien. Die politische Dimension wird eröffnet und die Vertikalität der Macht etabliert (Befehlen = Fürst und Gehorchen = Volk); auf der Skala zwischen Macht und Ohnmacht besetzen die Untertanen fortan den unteren Pol. Das moralische Paar "Gut und Böse" wandelt sich zum amoralischen Paar "Erfolg und Misserfolg". An die Stelle der direkten menschlichen Beziehung tritt das diplomatische Kalkül, das die Einfühlung durch Verhaltensregeln ersetzt. Da in dieser Ordnung allein der Erfolg zählt, werden die Mittel von jeder moralischen Bewertung ausgenommen; in radikalster Ausprägung kommt das in der Formel "der Zweck heiligt die Mittel" zum Ausdruck. Der Zweck ist die Selbstbehauptung des Fürsten, der sich kraft virtù (= Tüchtigkeit) gegen Fortuna (= Glück) durchsetzt, in einer Erfolgsordnung, in der Güte zur Schwäche wird.

Die Selbstbehauptung konnte allerdings nicht durch virtù allein aufrechterhalten werden. Ostentative (= zur Schau gestellte) politische Inszenierungen, kurz: der Theaterstaat, waren notwendig, um dem Selbstaberglauben der Obrigkeit glaubhafte Autorität und Legitimation zu verleihen. Der Fürst selbst blieb dabei der einzige echte Anarchist: Als legibus solutus stand er außerhalb von Gesetz und allgemeiner Moral, deren Geltung er bei seinen Untertanen erwartete, um sie regieren zu können. Souverän wäre im anthropologischen Sinne jeder, im politischen aber entweder nur der Fürst oder nur das Volk.

Neben den Sündenfällen und dem Theaterstaat haben auch weitere Phänomene Eingang ins Politische gefunden. Auf der einen Seite die Nachahmung der großen Fürsten, die sich bis zur Absurdität steigert: Napoleon wird zur Schlüsselfigur der modernen Politik, sein Neffe legt durch die bloße Imitation deren Widersinn offen (Hugos "Banalität des Großen"). Auf der anderen Seite die megalopsychia, die aristotelische Großbeseeltheit: Der Fürst war ihre institutionalisierte Verkörperungsstelle, der legitime Ort menschlicher Größe. Mit der Delegitimierung der Fürstenmacht verschwindet dieses Bedürfnis nach Größe nicht, sondern wandert in unpolitische Kanäle aus; in Anlehnung an Freuds Formel "Wo Es war, soll Ich werden" heißt es nun: Wo Fürstenmacht war, soll Künstler oder Unternehmer werden. Der Auftritt des Künstlers als Erbfigur der Größe ist dabei eine Folge von Nietzsche: Nietzsche hatte das Genie und den schöpferischen Menschen zur Nachfolgegestalt der großen Einzelnen erhoben, nachdem Gott von uns getötet wurde. Die Bürger, denen die verkörperte Größe abhandengekommen ist und die stattdessen dem Spektakel ihrer absurden Wiedergänger ausgesetzt sind, mussten so auch zu tragischen "Helden im Ertragen von Widersinn" werden.

Das Zentrum bleibt aber die These von der verwilderten Vertikalität. Solange die Vertikalität eingehegt war (dynastische Ordnung, Zeremoniell, staatsjuristische Bemäntelung), blieb die Ausnahme des Fürsten von der Moral domestiziert. In der Moderne verwildert sie: Die absolutistisch dimensionierte Souveränität geht per Deklaration auf ein Volk über, das als Kollektiv nicht genau weiß, wie es damit umgehen soll; jeder ist König, soll das aber nicht so genau wissen und die Stellung nie wirklich ausüben. Die unbesetzte Stelle des tatsächlich Handelnden bleibt damit besetzbar. Hier treten die Erben aus dem Buchtitel auf: die neuen Autokraten der Gegenwart, die anbieten, die Fiktion des Gemeinwillens in Person zu verkörpern.

Zum Schluss wird die Globalisierung durch den Begriff der Telemalignität gedeutet, die Bösartigkeit aus der Distanz. Ihre Vorgeschichte ist die Furcht vor dem Schadenszauber: Gewalt aus der Ferne, die sich durch die Zutat von "Macht" potenziert und Furcht wie Gehorsam erzeugen soll. So bleibe auf dem Weg von der Magie über die Metaphysik zur Technik die fortwährende Konstante die Furcht, sei es vor Zauber oder Artillerie und Raketenwaffen, als die Ursache einer "ersten Politik".

Doch auch gegen diese Bedrohung gibt es eine Immunantwort, die laut Sloterdijk gegenwärtig schwach ausfällt: Die Lücke sei nicht nur eine philosophische, sondern bedürfe auch technischer Nachhilfe. Die immunstärkende Antwort, die er anbietet, ist eine philosophische Impfung bis eine Herdenimmunität gegen die Fürsten erreicht ist.

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