Es ist fast unmöglich geworden, sich auch nur 100 Meter weit in der Stadt zu bewegen, ohne unfreiwillig von einer moralischen Botschaft adressiert zu werden. Überall sind Graffitis, Plakate und Sticker sichtbar, die mit Symbolen und Botschaften zum „sozialen Kampf“ aufrufen. Zu besonderen Anlässen steigert sich diese Reizüberflutung merklich, wenn Presse, Politik und Industrie im flackernden Dauerlicht von Werbebannern und Bildschirmen um die moralisch eindrucksvollste Pose konkurrieren. Der demonstrative Gestus soll Vertrauen und Unschuld signalisieren – nicht zuletzt deshalb, weil symbolisches Kapital sich am Ende auch ökonomisch rechnet.
Man verzeihe mir diesen Überdruss, aber es ist schlichtweg frustrierend, diskriminierend, ausgrenzend und ermüdend, dass man sich dieser hohlen Dauerbeschallung nicht mehr entziehen kann. Die einzige Flucht, die mir bleibt, ist die philosophische Analyse und das Schreiben.
Möchte man die Ursprünge dieser Philosophie ergründen, nenne man sie wie man will, so wird man nie einen Zeitpunkt in der Geschichte finden, an dem sie fehlte. Geschriebene und ungeschriebene, gesprochene und ungesprochene Gerechtigkeitsvorstellungen, Gesetze und Regeln haben uns Menschen (und Tiere) seit jeher geprägt. Worin sie aber letztlich wurzeln und ob sie den Charakter des Objektiven in sich tragen, bleibt ungewiss.
Lange Zeit waren es die Götter oder die Zufälligkeit der Sterne, die über das Schicksal entschieden. Danach die Ältesten, Weisen, Priester oder Orakel, die das moralische Maß durch Prophezeiungen, Predigten und Visionen vorgaben. Mit Kant verengte sich dieser Horizont auf die reine Vernunft und die unerbittliche Pflicht, bis schließlich Hegels Weltgeist auch diese Ordnung ablöste und die Dialektik an ihre Stelle setzte. Doch ungeachtet des Epochenwandels blieb eines konstant: Stets bedurfte es eines übergeordneten Prinzips, das – vermittelt durch logische Schlüsse und Formeln – jene Regeln und Gebote stiftete, die unser Dasein bestimmen sollten.
Diesem Gedanken folgend, könnte jedoch kein Wesen je an und für sich oder in und aus sich gerecht gewesen sein. Selbst wenn die übergeordneten Instanzen ins Psychologische verlagert wären – wie die Vernunft bei Kant oder das Über-Ich bei Freud –, wären sie deshalb nicht „eigentlich“ im ontologischen Sinne. Sie bleiben stets:
- Sozial vermittelt (Freud)
- Formal-subjektiv strukturiert, aber ontologisch in eine empirische und eine intelligible Dimension gespalten (Kant)
- Historisch-kulturell situiert (Hegel)
Wenn das moralische Prinzip bei Immanuel Kant konstitutiv sein soll, dann gehört es zur intelligiblen Natur des Subjekts – also zu dem, was es als Vernunftwesen „eigentlich“ ist. Zugleich aber kann das empirische Subjekt – als Erscheinung unter Naturgesetzen – diesem Prinzip zuwiderhandeln. Das Subjekt ist damit nicht ontologisch einheitlich, sondern in zwei Bestimmungen auseinandergelegt: eine normative, die gelten soll, und eine faktische, die handelt.
Die „Eigentlichkeit“ wird so nicht durch ontologische Identität bestimmt, sondern durch normativen Vorrang gesetzt. "Eigentlich" ist nicht, was sich faktisch durchsetzt, sondern was gelten soll. Damit ist die Vernunft nicht ontologisch primär, sondern wertmäßig privilegiert. Ihre Vorrangstellung beruht auf Geltung, nicht auf Sein – und ist damit selbst relational, nämlich auf einen Wert bezogen, der ihr diese Priorität zuschreibt, statt sie aus sich selbst heraus zu besitzen.
Oudeis hekon hamartanei – Niemand fehlt freiwillig. - Sokrates
Bei Sokrates galt Tugend = Wissen, bei Kant wurde es zu Moral = Vernunft. Das Gute war oft primär geistig - intelligibel und erst sekundär eine Eigenschaft des Körpers.
Frühere Metaprinzipien – sei es die göttliche Ordnung oder die Vernunft – erforderten eine aktive Hinwendung: Man musste sie verstehen, ergründen oder glauben. Das heutige Prinzip der sozialen Gerechtigkeit hingegen,ist der verkürzten Aufmerksamkeitsspanne der Menschen folgend, einer Logik der reinen Sichtbarkeit gewichen. Damit findet eine radikale Akzentverschiebung statt: Es ist nicht mehr entscheidend, was ein Subjekt weiß oder wie moralisch es handelt, sondern wer man ist und welche Identität man verkörpert. In dieser Ökonomie der Aufmerksamkeit zählt nur noch das sofort Erkennbare und Oberflächliche.
- Früher: Moral war eine Frage der inneren Haltung oder der Handlung (Ethik).
- Heute: Moral wird zu einer Frage der Semiotik (Zeichenlehre).
Die moderne Moral steht unter dem Zwang permanenter Sichtbarmachung, weil sie stellvertretend für ungelöste Konflikte eintritt, ohne deren Ursachen oder strukturelle Analysen mitzuführen. An die Stelle differenzierter Auseinandersetzung tritt ein universaler Anspruch auf Präsenz: Wenn der Regenbogen oder der Werbebanner leuchtet, geht es nicht primär um eine philosophische Debatte über Gerechtigkeit, sondern um die Besetzung des Raumes.
Das ist die „Ästhetisierung des Sollens“: Das moralische Prinzip tritt nicht mehr als begründete Norm auf, sondern als eine "Oberfläche". Es erscheint als Dekor, als Fassade, als performative Geste, die auf Anerkennung zielt und symbolisches Kapital akkumuliert. Philosophisch gesehen findet hier eine totale Invasion des Intelligiblen in das Empirische statt. Kant trennte strikt zwischen dem, was ist (Naturgesetze, Faktizität), und dem, was sein soll (Moral). Die heutige Geisteshaltung versucht jedoch, die Faktizität des öffentlichen Raumes so lückenlos mit normativen Botschaften zu tapezieren, dass kein „neutrales Sein“ mehr übrig bleibt.
Was wir hier aber wirklich sehen, ist der Austausch symbolischer Schuldscheine – eine Form des sozialen Kreditwesens, das mit Andeutungen und moralischen Vorleistungen operiert. Diese sozialen Gesten fungieren als aufgezwungene und ungebetene Anleihen, die den Betrachter in ein Geflecht aus Abhängigkeiten verstricken. Ziel dieser moralischen Zeichensetzung ist nicht eine Befreiung, sondern die Erzeugung eines Milieus der Befangenheit, das den Einzelnen durch soziale Kreditbeziehungen an die herrschende Ideologie bindet.
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